20 Aprile 2026
Die Schweiz sucht verzweifelt Pflegekräfte für ihre Betagten. Nun tritt eine Allianz gegen die SVP-Initiative an. Ebenfalls mahnt die Konferenz der Gesundheitsdirektoren – der vier SVP-Politiker angehören.
(Veröffentlicht im Tages-Anzeiger, 19.04.2026)
Einfach nichts. Wochen- und monatelang. Andrea Ott Wabel sucht Pflegefachleute, um Betagte in fünf Toggenburger Gemeinden zu betreuen. Deren Zahl steigt rasant, die Menschen wollen auch im Alter möglichst lang im eigenen Heim bleiben. An einem Tag allein erhielt die Spitex Toggenburg vor kurzem sieben neue Anmeldungen.
Doch wenn Ott Wabel Inserate schaltet für Pflegefachkräfte, gehen keine Bewerbungen ein. Zwei offene Stellen kann ihr Spitex-Verein in Wattwil derzeit nicht besetzen. Das bekommen die Betagten zu spüren. «Sie wollen eine tägliche Körperpflege, und wir sagen dann: Dreimal pro Woche können wir Ihnen aktuell anbieten, mehr nicht», so die Pflegeleiterin. «Das stinkt den Klienten natürlich, weil die Lebensqualität darunter leidet.»
Ab 7000 Franken monatlich würde eine diplomierte Pflegefachfrau mit Berufserfahrung im Toggenburg verdienen, sie hätte fünf Wochen Ferien, könnte ihr Arbeitspensum flexibel gestalten. «Der Lohn stimmt, unsere Nebenleistungen auch», sagt Ott Wabel.
Trotzdem muss sie auf die Liebe hoffen. Dass sich eine Pflegefachfrau in einen Toggenburger verliebt und in die Region ziehen will. Die beste Chance, eine Bewerbung zu erhalten.
So ausgetrocknet wie im Toggenburg ist der Markt in den meisten Schweizer Regionen. 7000 Stellen für diplomierte Pflegefachpersonen waren Ende des vergangenen Jahres ausgeschrieben, 8000 weitere Stellen mit niedrigeren Pflegeanforderungen. Das sind etwas weniger als noch ein Jahr davor, aber die Zahl steigt bereits wieder.
Besonders viele Stellen sind in der Zentral- und in der Ostschweiz offen. Dort, wo eine hohe Zustimmung zur 10-Millionen-Initiative zu erwarten ist, mit der die SVP die Zuwanderung bremsen will. Für das Gesundheitswesen wäre das wohl folgenreicher als für alle anderen Wirtschaftszweige. 43 Prozent der Ärztinnen und Ärzte weisen ein ausländisches Diplom vor, ebenso mehr als 20 Prozent des Pflegepersonals. Rund 12 Prozent all jener, die aufgrund der Personenfreizügigkeit zugewandert sind, arbeiten laut Observatoriumsbericht im Gesundheitswesen. Selbst im Urkanton Nidwalden stammt mehr als die Hälfte der Spitalfachkräfte aus dem Ausland.
Dramatisch könnte sich die Lage in den Grenzkantonen verschlechtern. Führt die 10-Millionen-Initiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit, fallen Erleichterungen für Grenzgängerinnen und Grenzgänger weg. Ein Extrembeispiel ist das Gesundheitszentrum des Bündner Bergtals Bergell: Dort stammen sämtliche Fachpersonen in der Pflege und der Physiotherapie aus dem Ausland, wie die Bündner Regierung festhält.

Ein Abflauen der Nachfrage ist nicht zu erwarten, im Gegenteil. Um 43 Prozent wird der Bedarf an Langzeitpflege in den nächsten 20 Jahren zunehmen, wie das Schweizerische Gesundheitsobservatorium in seiner jüngsten Prognose schätzt. Das entspricht der Arbeit von 7400 Vollzeitangestellten, es braucht 626 neue Pflegeheime.
Nun schaltet sich deswegen die Gesundheitsbranche mit einem eigenen Komitee in den Abstimmungskampf ein. Dazu gehören acht Organisationen vom Spitalverband H+ über den Berufsverband der Pflegefachleute und Spitex Schweiz bis zu Artiset, die mehrere Behindertenverbände vertritt. Sie warnen vor längeren Wartezeiten beim Arzt- oder Spitalbesuch, vor Qualitätseinbussen wegen Personalmangels und vor höheren Krankenkassenprämien.
Bundesrat Beat Jans sagte unlängst bei einer Rede: «Eigentlich bräuchte es einen Warnhinweis: ‹Diese Initiative kann ihre Gesundheit gefährden.›» Ähnlich tönt es bei den Kantonen, zuständig für die medizinische Versorgung. Tobias Bär, Sprecher der Gesundheitsdirektorenkonferenz, sagt: «Genügend gut qualifiziertes Personal zu haben und im Beruf zu halten, ist eine der derzeit grössten Herausforderungen im Gesundheitswesen.» Die Kantone sprechen sich darum gegen die 10-Millionen-Initiative aus, die «dem Gesundheitswesen massiv schaden und den bereits heute bestehenden Arbeitskräftemangel beziehungsweise die sehr angespannte Lage bei der Rekrutierung von Fachkräften im Gesundheitswesen noch verschärfen» würde, wie Bär sagt.
Die Stellungnahme der Gesundheitsdirektoren ist bemerkenswert, weil vier der neun Vorstandsmitglieder der SVP angehören: die Zürcherin Natalie Rickli, der Aargauer Jean-Pierre Gallati, der Urner Christian Arnold und der Berner Pierre Alain Schnegg. Auf Fragen dieser Redaktion, welche Folgen die Initiative für die medizinische Versorgung in ihrem Kanton hätte, wollte niemand von ihnen eingehen. Der Berner Gesundheitsdirektor Schnegg ist auch Präsident der Konferenz der Westschweizer Kantone, die eine Medienkonferenz gegen die Initiative angesetzt hat. Schnegg bleibt dem Anlass fern.
SVP-Nationalrat Pascal Schmid, Stiftungsrat eines Thurgauer Pflegeheims, weist die Darstellungen der Initiativgegner als «Angstmacherei» zurück. «Wir haben viel mehr Pflegepersonal pro Kopf als andere europäische Länder», sagt er. Laut OECD-Statistik ist das Betreuungsverhältnis in der Schweiz so gut wie in keinem anderen Mitgliedsland. Schmid sagt, die Schweiz müsse besser aussuchen, wen sie ins Land lasse: «Das müssen wir mit Arbeitskräften ausschöpfen statt mit Asylmigranten und nachgezogenen Verwandten, die nicht arbeiten.» Kein Problem seien auch Grenzgänger, da sie nicht zur Wohnbevölkerung zählten.
Der Berner SVP-Kantonsparlamentarier Andreas Michel, Chef der Klinikgruppe seiner Familie, räumt ein, «dass wir im Gesundheitswesen nicht ohne Ausländer auskommen». «Wir dürfen den bilateralen Weg nicht gefährden, aber wir müssen die Zuwanderung bremsen», sagt er. Darum unterstütze er die Initiative. «Es ist verkraftbar für uns, wenn es etwas schwieriger wird, Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren», sagt Michel, der laufend auf der Suche nach Personal für seine Kliniken im Berner Oberland ist. Der Ausländeranteil sei dort wohl höher als im Durchschnitt anderer Spitäler. «Viele Schweizer wollen in den Städten leben und arbeiten», sagt Michel. «Auf dem Land ist es schwieriger, die Stellen zu besetzen.»
Wie im Toggenburg bleibt oft nur die Hoffnung auf die Liebe.